Bildbearbeitung mit Linux


Leider hält sich wenigstens ein Gerücht in Sachen Linux hartnäckig:  Mit Linux ist eine ernsthafte (professionelle??) Bildbearbeitung nicht möglich. Fragt man nach den Gründen, bleiben die Argumente zumeist bei Photoshop hängen, das als Standard gilt und nicht als Linuxversion erhältlich ist. Sicher, als professionelle Grafikfirma, die Daten im großen Stile mit anderen Firmen austauscht und für die Druckvorstufe produziert, könnte es Probleme geben -obwohl auch das möglich ist. Mit der zunehmenden Verwendung von Digitalkameras nutzt aber der größte Teil der Besitzer den PC nicht unter professionellen Gesichtspunkten (also um damit Geld zu verdienen) sondern als Werkzeug zur Weiterverarbeitung der eigenen Digitalfotos. Die auch unter Linux zu erzielenden Ergebnisse können professionelle Ansprüche durchaus befriedigen.

Die unter Linux zur Verfügung gestellten Werkzeuge und Programme sind sehr vielfältig und in der Masse kaum zu überschauen. Viele Bildbetrachter mit z.T. recht unterschiedlichem Funktionsumfang bis hin zu Importtreibern für nahezu jede gängige Digitalkamera sind verfügbar, Bildbearbeitungsprogramme wie Gimp und auch Photoshop, das sich mit Hilfe der Emulation "wine" ohne Probleme und ohne Funktionsbeschränkung nutzen lässt, können verwendet werden. Die meisten Scanner lassen sich unter Linux ebenso betreiben wie viele Fotodrucker unterschiedlicher Hersteller, wobei die erzielte Druckqualität mit Gimp-Print oder Turboprint häufig über der Qualität liegt, die mit den Herstellertreibern zu erreichen sind. Auch RAW-Dateien sind zumeist kein Problem.

Hardwareseitig werden leider nicht immer die neuesten Produkte unterstützt. Das liegt jedoch weniger an Linux als vielmehr an den Herstellern der Geräte, die keine passenden Treiber für Linux entwickeln. So dauert es immer einige Wochen und Monate, bis Linuxentwickler passende Treiber entwickeln. Für meinen damals neu erworbenen Canondrucker gab es nach zwei Monaten einen passenden Treiber, die RAW-Dateien meiner Fuji s9500 konnten bereits gelesen werden als ich mir die Kamera kaufte.

Welche Distribution man auf seinem Rechner installieren möchte, ist egal. Die von SuSE, Mandriva und  Ubuntu u.v.a. verwendete Software ist identisch. Die Entwickler der genannten Firmen ergänzen die  frei entwickelte Software um eigene Installationshilfen, Hardwareerkennungstools usw. Insbesondere bei der Hardwareerkennung kann es deshalb auch schon mal Probleme geben. Als treuer SuSE-Nutzer musste ich von einer Version zur nächsten fest stellen, dass mein Minolta Film- und Diascanner nicht mehr zur Zusammenarbeit zu bewegen war.  Seit dem Umstieg auf Mandrake 10.1 und jetzt Mandriva 2006 funktioniert der Scanner tadellos.

Der Umstieg auf Linux gestaltet sich nicht ganz einfach, er erfordert anfangs ein wenig Durchhaltevermögen und eine relativ hohe Frustrationsschwelle. Deshalb einige grundsätzliche Anmerkungen:

Die Liste ließe sich beliebig weiter fortführen. Eines wird jedoch deutlich: Die anfänglich fast erschreckende Vielfalt beinhaltet gleichzeitig einen großen Vorteil. Die Software ist frei, jeder kann daran mitarbeiten, jeder darf sie verändern, jeder kann den Quellcode einsehen. Kommerzielle Interessen gibt es nicht. Es gibt deshalb auch keine Programme, die ungefragt und bei jeder Gelegenheit gern mal "nach Hause telefonieren". Viren, Spyware, Würmer gehören der Vergangenheit an. Je nach eigenen Wünschen und Anforderungen ist es kostenlos oder fast kostenlos, wenn man denn einige kommerzielle Programme nutzen möchte.

Jetzt zur Bildbearbeitung. Es folgt ein (unvollständiger und kurz gehaltener) Überblick, welche Möglichkeiten zur Bildbearbeitung vorhanden sind. Nähere Informationen zu den genannten Programmen gibt es jeweils auf der Webseite.

 


Gimp ist wohl das bekannteste Linuxprogramm. Gimp gibt es schon längere Zeit auch für Windows und auch für Mac. Das  Bild links zeigt eine typische Ansicht von Gimp in Aktion. Auffällig ist die Fensteranordnung: Es gibt kein gemeinsames Programmfenster mit einer fest stehenden Menüleiste. Funktionen und deren Optionsfenster werden gesondert eingeblendet oder ausgeblendet, je nach persönlicher Vorliebe. Diese etwas gewöhnungsbedürftige Bedienungsführung hat aber klare Vorteile: Man sieht nur die Werkzeuge, die man braucht. Der meiste Platz bleibt so für das Bildfenster.

Die meisten direkt auf das Bild bezogenen Befehle, Filter usw. befinden sich unter der rechten Maustaste.  Wählt man z.B. einen Filter aus, öffnet sich das dazugehörige Optionsfenster. Soll der Filter mehrmals angewendet werden, kann er auf dem Desktop fixiert werde. 

In Gimp findet man alle üblichen Bearbeitungswerkzeuge wie sie auch z.B. Photoshop oder PainShop Pro zur Verfügung stellen. Der modulare Aufbau von Gimp ermöglicht im Prinzip eine unbegrenzte Erweiterbarkeit. Die meisten Funktionen werden über Plugins zur Verfügung gestellt. In der aktuellen Version verfügt Gimp über ca. 450 Plugins. Ständig kommen neue hinzu. Alle sind sie kostenlos aus dem Internet zu bekommen. Auch der immer stärkeren Verbreitung der Digitalkameras wurde Rechnung getragen. So gibt es ein RAW-File Plugin für die Bearbeitung aller gängigen Formate der Kamerahersteller. Darüberhinaus gibt es EXIF-Browser, Filter zum Entrauschen von Digitalbildern usw. 

Eines der wichtigsten plugins von Gimp ist wohl Gimpprint. Gimpprint ist inzwischen eine vollständige Druckumgebung für Linux geworden und ermöglicht Fotodruck in einer Qualität, die oft über den Ergebnissen der Original-Druckertreiber der Hersteller liegen. Mehr dazu weiter unten.

Für Gimp-Nutzer gibt es inzwischen ein gut besuchtes Forum mit jeder Menge Tipps und Tutorials. 

Ein sehr ausführliches Online-Handbuch in der Version 1.2 erklärt die Funktionen und Filter von Gimp. Als pdf-Datei in der Version 0.9 mit 453 Seiten gibt es das Handbuch als download.

 

  Photoshop

Das häufigste Argument gegen Linux für die Bildbearbeitung ist, dass es kein Photoshop für Linux gibt. Das stimmt, ist aber dennoch -was die daraus resultierende Konsequenz angeht- nicht ganz richtig. Zumindest bis zur Version 7 lässt sich Photoshop für Windows auch unter Linux betreiben. Die Windows-API Übersetzungssoftware  WINE (Wine Is Not an Emulator) ist inzwischen in jeder Distribution enthalten und lässt sich für die Ausführung von Windowsprogrammen auch ohne Windows sehr gut benutzen. Die Geschwindigkeit ist minimal verlangsamt, Einschränkungen gibt es aber keine (selbst ein drucksensitives Grafiktablett wird voll unterstützt). Die Installation und Konfiguration von Wine kann ein wenig knifflig werden. Alternativ bietet sich das kostenpflichtige CrossoverOffice an, dass über viele Hilfen verfügt und die Installation von Windowsprogrammen zu einem Kinderspiel macht. Als Grundlage dient wieder Wine.





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Bild 1


Bild 2

Digikam ist ein Archivierungsprogramm und Bildbetrachter für Digitalbilder. Diese Kurzbeschreibung gibt allerdings nicht im Ansatz die Leistungsfähigkeit wieder, die in diesem Programm steckt. Zuerst einmal kann man mit dem Programm Bilder aus diversen Kameras auf den PC laden. Dabei ist es egal, ob die Kamera als Laufwerk erkannt wird oder spezielle Treiber für ein kameraeigenes Übertragungsprotokoll nötig sind. Digikam greift auf eine Bibliothek zurück, in der für fast alle gängigen Kameras Treiber vorhanden sind. Für die Bildarchivierung werden alle gängigen Werkzeuge zur Verfügung gestellt. Man kann Bildbeschreibungen vergeben, Stichworte festlegen usw..

Für die schnelle Bildbearbeitung und Optimierung werden sehr viele Werkzeuge zur Verfügung gestellt, die über zusätzliche Plugins sogar noch erweitert werden können. Folgende Werkzeuge sind u.a. vorhanden:

  • Farbe, Sättigung, Kontrast, Helligkeit, Gamma korrigieren
  • Effekte hinzufügen wie z.B. Rahmen usw.
  • Größe ändern, ausrichten, beschneiden, drehen, spiegeln
  • Unscharf maskieren, weich zeichnen, Störungen hinzufügen usw.
  • Rauschfilter
  • Dateiformate konvertieren
  • Objektivfehler wie Vignettierung, Verzeichnung (Bild 2) korrigieren
  • Alle Filter und Bearbeitungen können in einem Batchverfahren für alle Bilder eines Verzeichnisses durchgeführt werden.

Wer seine Digitalbilder lediglich optimieren möchte und auf eine aufwändige Bearbeitung verzichten kann, der findet in diesem Programm alles was er braucht.
 

XnView ist ein weiterer Vertreter der Bildbetrachter, wobei auch dieses Programm über einen riesigen Funktionsumpfang verfügt und es ist ebenfalls auch kostenlos. Die Software kann zudem konvertieren, RAW-Dateien lesen und umwandeln, erzeugt Diashows und kann als Thumpnail-Generator eingesetzt werden. Die Grundfunktionen zur Bildbearbeitung und -optimierung  sind ebenfalls vorhanden. 400 Grafikformate werden unterstützt.

Das Programm gibt es für 8 (!!!)  Betriebssystemvarianten, darunter auch für Windows und Linux.


UFraw kann als selbstständiges Programm auf der Konsole oder als Plug-in für das Bildbearbeitungsprogramm Gimp eingesetzt werden. Außerdem steht eine unabhängig funktionierende Variante zur Verfügung. Zum Lesen der Dateien wird Dave Coffins Bibliothek DCRaw verwendet. UFRaw unterstützt grundlegendes Farbmanagement, indem über das Zusatzprogramm Little CMS Farbprofile geladen werden. UFraw gibt es auch für Windows

UFraw und die Bibliothek DCRaw können RAW-Dateien von etlichen Kameras einlesen und umwandeln. Dem Benutzer stehen dabei alle gängigen Möglichkeiten zur Manipulation der Bildergebnisse zur Verfügung.
s7raw
s7raw ist ein Programme, das sich ausschließlich um die Konvertierung von RAW-Daten der finepix CCD von Fuji kümmert. Die Software ist kostenlos und verfügt über einen riesigen Funktionsumfang. Fuji-Besitzer (wie ich, deshalb erwähne ich es hier) befinden sich also in der glücklichen Lage, eine hervorragende Software benutzen zu können, die zudem kostenlos. s7raw läuft ohne Probleme über wine unter Linux.


Bild 1)


Bild 2)

Für die Scanarbeit bringen die Linux-Distributions ein Konsolenprogramm namens Sane mit, für das eine ganze Menge sog. Frontends (grafische Oberflächen zur Bedienung der Programme) geschrieben wurden. Einige nutzen die Möglichkeiten von Sane mehr oder weniger, andere bringen noch eine ganze Menge mehr Features mit, die über das hinausgehen, was Sane bietet.

Das wohl bekannteste und in der Ausstattung umfangreichste ist XSane. XSane bietet alles, was man einem Scanprogramm erwartet und noch viel mehr. Es gibt etliche Einstellmöglichkeiten, die sich direkt auf das Vorschaubild (Prescan) (Bild 1) auswirken und damit eine genaue Korrektur von Farbe, Kontrast und Helligkeit ermöglichen. Mit diesen Einstellungen wird dann das Bild gescannt (Bild 2). Die gescannten Bilder kann man von XSane aus auch direkt faxen oder mailen. Ansonsten speichert es in allen erdenklichen Bildformaten in jeder Farbtiefe. Momentan liegt XSane in der Version 0.991 vor. 

XSane läßt sich aus Gimp heraus direkt aufrufen. das Programm gibt es auch für Windows.

 

 


VueScan ist neben TurboPrint (siehe unten) das erste kommerzielle Programm, das ich hier vorstelle. Damit ist eigendlich auch schon die wichtigste Negativseite des Programms genannt.  VueScan gibt es für Windows, Linux und Mac und zeichnet sich dadurch aus, dass es so ziemlich alle auf dem Markt befindliche Scanner unterstützt und außerdem hervorragende Scanergebnisse liefert. 400 Scanner werden bisher unterstützt, außerdem könne RAW-Dateien von 185 Digitalkameras eingelesen werden. Die automatische Korrektur (viele unterschiedliche Optionen lassen sich wählen: White-Balance, Neutral, Fluorescent, usw. Schwarz- und Weisspunkte lassen sich festlegen, usw....) funktioniert so gut, dass nachträgliche Korrekturen von Farbe, Kontrast und Helligkeit im Bildbearbeitungsprogramm zu 98% überflüssig sind. Das mag auch daran liegen, dass man aus einer Datenbank mit etlichen Filmtypen wählen kann, mit deren Hilfe Negativmasken oder spezifische Farbgebungen von Diafilmen sauber korrigiert werden.

Eigene Korrekturvorstellungen kann man mit Hilfe der Histogramme  am Vorschaubild vornehmen. Der eigentliche Scan wird dann mit den Einstellungen vorgenommen. Auch wenn XSane ein sehr gutes Programm ist, dass zudem frei und open-source ist, gibt es für Linux momentan kein besseres Scanprogramm als VueScan.

 

 

Drucken


Der Druckstandard für Linux ist das von Adobe entwickelte Postscript-Format, eine Seitenbeschreibungssprache, die professionelle Postscriptdrucker direkt verstehen können. Diese Postscriptdaten müssen für die modernen Tintenstrahldrucker aufbereitet werden. I.d.R. kommt Gostscript zum Einsatz. In die Gostscript-Software sind jede Menge Filter und Treiber für alle gängigen Drucker integriert, die normale Text- und Grafikausdrucke in Farbe ermöglichen. Fotodruck ist damit jedoch in befriedigender Weise nicht möglich.

Um den kompletten Funktionsumfang moderner Tintenstrahldrucker nutzen zu können, ist extra Software nötig. Diese Softwarepackete stellen eigene Userinterfaces zur Verfügung. Bei der Installation werden in das vorhandene Drucksystem (meistens CUPS) eigene Treiber integriert, die den verwendeten Drucker spezifisch ansteuern können.  Gimp-Print oder Turboprint sind solche Programme, die die nicht vorhandene Windows-Treibersoftware ersetzen und zum Teil in der Qualtität sogar deutlich überbieten. Ich benutze Turboprint, weil  Gimp-Print keine Treiber für neuere Canondrucker zur Verfügung stellt.

Turboprint ist als eigenständige Software konzipiert, die sich zur Druckerkonfiguration direkt aufrufen läßt. Gimp-Print dagegen war ursprünglich nur ein Gimp Plugin, das zum Drucken aus Gimp heraus bestimmt war. Inzwischen stellt dieses Plugin aber global die Druckfunktionalität zur Verfügung.

Die Integration von Gimp-Print oder Turboprint in das Drucksystem z.B. unter KDE (die Fensteroberfläche, mit der ich arbeite) ist so perfekt, dass man Gimp-Print nicht mehr dahinter vermutet. Einstellungen für Farbe und Auflösung sowie Papiersorten können direkt im Druckdialog vorgenommen werden. Für jede Einstellung z.B. für bestimmte Papiersorten oder Textdruck usw. lassen sich Druckerwarteschleifen anlegen, in denen dann die Einstellungen gespeichert werden. So hat man für jeden Anwendungszweck einen eigenen (virtuellen) Drucker.